Die Machtpolitik des Ulysses von Salis-Marschlins und ihre Opfer. Eine Neuinterpretation der Ausweisung der Bündner aus Venedig
Martedì, 17.02.26, 18.44
Rätisches Museum, Chur

Vortrag von PD Dr. Magnus Ressel
In der Erinnerungskultur Graubündens spielt der schwere Bruch der Beziehungen zwischen dem Freistaat der Drei Bünde und der Republik Venedig eine besondere Rolle. Diplomati-sche Verwicklungen zwischen den Nachbarrepubliken führten ab 1766 zur faktischen Aus-weisung von angeblich bis zu dreitausend Bündnern aus dem venezianischen Territorium. Dieser Tiefpunkt gilt aber zugleich als Ausgangspunkt für die europaweite Niederlassung von Engadiner Zuckerbäckern, von denen viele zuvor in Venedig tätig gewesen waren. Letztlich wäre da also doch eine Erfolgsgeschichte resultiert.
Im Vortrag wird eine ganz andere Argumentation entfaltet. Es wird gezeigt, dass die «Schuld» an der Ausweisung, bei aller Problemhaftigkeit des Begriffes, vor allem Ulysses von Salis-Marschlins (1728–1800), den bedeutendsten Politiker Graubündens der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, trifft. Durch komplexe machtpolitische Manöver schuf er eine Lage, die es der Republik Venedig unmöglich machte, die Ausweisung nicht durchzuführen. Auf einer abstrakteren Ebene soll gezeigt werden, dass diese Politik ihre eigentlichen Quellen in den politischen Leitvorstellungen von Führungsgestalten des Zeitalters hat. Salis-Marschlins erscheint in vielfältiger Hinsicht als ein Bündner Pendant zu den Herrschern des aufgeklärten Absolutismus.
PD Dr. Magnus Ressel forscht über transalpine und transatlantische Handelsbeziehungen in der Frühneuzeit und im Ancien Régime. Er hat als Vertretungsprofessor an den Universitäten Bremen und Heidelberg gewirkt und ist derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fern-Universität Hagen (Lehrgebiet Geschichte Europas in der Welt).